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Von der alteren Chronistikforschung wurde die Chronographia Interminata des Dominikaners Konrad von Halberstadt nicht gerade positiv bewertet. Die negativen Urteile durften die Schuld daran tragen, dass kaum ein Historiker sich mit der Chronographia Interminata befasste, dass nur ganz wenige Auszuge unkritisch abgedruckt wurden und dass der Autor, der den Cursus Honorum des Dominikanerordens immerhin bis zum Prior der Ordensprovinz Theutonia durchlief, beachteter Verfasser theologischer, moralischer und enzyklopadischer Schriften und zuletzt Professor an der neugegrundeten Prager Universitat und Hofkaplan Karls IV. war, bislang ein Leben im "literarhistorisch-lexikalischen Schattenland" fuhrte (W. Maaz). Dennoch trifft der unvoreingenommene Leser der Chronographia auf ein ganz eigenartiges Zeugnis spatmittelalterlicher Universalchronistik. Schon der Titel, den der Autor selbst im Widmungsprolog seinem Werk beilegte, lasst aufhorchen. Zwar orientiert sich jede mittelalterliche Universalchronik entweder an der Vier-Weltreich-Lehre oder dem Sechs-Weltalter-Schema und betrachtet somit alles weltliche Geschehen unter heilsgeschichtlichem Aspekt. Doch nur ganz wenige Chronisten reflektieren dieses Verfahren. Die theologischen Grundlagen hierfur durfte Augustinus mit den letzten Zeilen von "De civitate Dei" geschaffen haben, wo er eine Analogie des siebten und achten Schopfungstages, des ewigen Sonntags, zur ewigen Ruhe von Korper und Seele in Gott herstellt. In seiner Nachfolge konstruierte Beda Venerabilis ein siebtes und achtes Weltalter, auch Frechulf von Lisieux und Ado von Vienne sinnen uber den erreichten Stand der Weltgeschichte nach, doch bei keinem der Chronisten sind dies mehr als einige Gedankensplitter. Im Spatmittelalter verschwinden solche Tendenzen fast ganz. Konrad von Halberstadt blieb es nun als einzigem Universalchronisten des Mittelalters vorbehalten, den augustinischen Ansatz konsequent umzusetzen und so eine wirkliche Chronographia Interminata zu schaffen. Er orientiert sich dabei, wie er im Vorwort ankundigt, neben Augustin vor allem am Prolog des Johannesevangeliums. Das Werk untergliedert er deshalb in vier Teile. Teil I beschaftigt sich mit dem gottlichen Wesen (In principio erat verbum), Teil II mit der Schopfungsgeschichte (omnia per ipsum facta sunt), Teil III mit dem Leben nach dem Tode (quod factum est in ipso, vita erat) und Teil IV mit der Auferstehung (et vita erat lux hominum). Die Weltgeschichte erscheint hier also tatsachlich auch kompositorisch in die Heilsgeschichte eingegliedert. Alle vier Teile sind strengstens durchkomponiert. Pars II, also der eigentlich historische Teil, ist wiederum untergliedert nach den sechs Aetates. Die letzte, mit Christi Geburt beginnende Aetas, ist wiederum unterteilt nach der Reihe der Papste, deren Geschichte anhand von durchgezahlten Memorabilien, einzelnen Erzahleinheiten, aufgezeigt wird.Mit der Herausgabe eines Teiles dieses umfangreichen Werkes nach den editionsphilologischen Massstaben der "Monumenta Germaniae historica" legt der Verfasser zugleich eine Untersuchung uber Leben und Werk des Chronisten vor und bespricht neben Handschriften und Rezensionen auch Gattungsfragen, die verwendeten Quellen und die Rezeption der Chronik. Es wird auf ungewohnliche Inhalte, wie der Einfluss verschiedenartiger Prophetien, die aussergewohnliche Pestschilderung und das Bild Karls IV. hingewiesen wie auch auf methodisch Aufschlussreiches, wie die Anwendung von Kompilationstechnik als Mittel der Wissensvermittlung und -organisation. Personen- und Sachregister erschliessen den Band.