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Es ist ein weit verbreiteter Befund, dass die westlichen Demokratien von fehlendem innerem Zusammenhalt bedroht sind. Diese meist in mehr oder minder kleinen Blasen diskutierte Thematik geht mit der Befürchtung einher, dass die demokratisch verfassten Gesellschaften ihr Vermögen zu Kohärenz, Dialog und zur friedlichen Austragung von Konflikten und Differenzen eingebüßt haben. Vor diesem Hintergrund muss das Erstarken autoritärer Bewegungen und Parteien verstanden werden. Diese reagieren auf höchst widersprüchliche Art und Weise auf den Verlust von Gemeinschaftlichkeit und demokratischem Gemeinsinn. Sie beschwören das Wir, um dem Ich zum Triumph zu verhelfen. Solch ein Wir besteht dabei aus lauter Ichs, die dieses Wir neutralisieren.Wolfgang Müller-Funks Essay geht von der These aus, dass die Gefährdung der modernen Demokratien weniger von außen erfolgt, sondern sich von innen heraus vollzieht. Demokratie enthält stets Momente und Motive der Selbstauflösung (Umfragen, Plebiszit, digitale Netzwerke), die jedoch im modernen Populismus verstärkt zum Tragen kommen. Die vielfache Überforderung durch rasanten Wandel und durch die Undurchschaubarkeit technischer, medialer und ökonomischer Komplexe verschärfen die Krisenhaftigkeit, die viele Demokratien nicht nur im Westen durchlaufen. Sie haben mit dazu beigetragen, dass die politische Mitte zugunsten der Ränder eingebrochen ist. So werden die Ränder zur Mitte und die Mitte zum Rand. Das sind Erfahrungen, wie wir sie aus den 1920er und 1930er Jahren kennen. Mit dem historischen Kontext haben sich dabei auch die Herausforderungen, die daraus resultieren, verschoben, damit aber auch die Chancen, Demokratie neu zu gestalten.In diesem Sinn diskutiert Müller-Funk die klassische Trinität von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, wie sie dem Pathos der Französischen Revolution entsprungen ist. Er zeigt, dass alle drei Begriffe in sich widersprüchlich sind und in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Sie funktionieren als Komplement und Kontrast. Insofern ist Demokratie die Kunst, diese Trinität auszutarieren.Das Buch verfährt dialogisch und sucht das Gespräch etwa mit Denkern wie Tocqueville, Hobbes oder Tönnies, die Momente dieser fragilen Trinität des Demokratischen beleuchtet haben. Dem Autor folgend ließe sich sagen, dass die repräsentative Demokratie eine Mischform jener Regierungsformen darstellt, die im Brennpunkt des antiken Diskurses gestanden sind: Aristokratie und Oligarchie, Monarchie und Tyrannis, Demokratie und Ochlokratie. Die neuzeitliche Demokratie ist ihrer ganzen 'Verfassung' nach ein Kompromiss. Im Unterschied zu den antiken Staatsformen, verfolgt die neuzeitliche Demokratie mit ihrer Trinität ein utopisches Ziel, das nicht zu erreichen ist. Der Gegensatz zwischen den hehren Zielen und dem ernüchternden Alltag gehört zu jenen strukturellen Enttäuschungen, ohne die die jüngste Selbstgefährdung der neuzeitlichen Demokratie undenkbar wäre.