Im Zweiten Weltkrieg sollten Sinti und Roma nach dem Willen der nationalsozialistischen Machthaber in Europa ausgelöscht werden. Die auch in der Forschung präsente Vorstellung, dass den Überlebenden dieses Völkermords nach 1945 eine Wiedergutmachung verweigert worden sei, unterzieht Joey Rauschenberger einer gründlichen empirischen Überprüfung. Er untersucht erstmals umfassend, am Beispiel Baden-Württembergs, wie Sinti und Roma in der Bundesrepublik entschädigt wurden. Dabei ergibt sich ein weitaus differenzierteres Bild als bisher. Die große Mehrheit der antragstellenden Sinti und Roma hat Zahlungen erhalten, die oft durchaus substanziell waren.
Rauschenberger ordnet die Verfahren in ihre administrativen Kontexte ein und entwirft eine exemplarische Mikrogeschichte der südwestdeutschen Entschädigungsverwaltung. Sie legt das komplexe Geflecht menschlicher Interaktion zwischen Sachbearbeitern, Antragstellenden, Rechtsanwälten und anderen Akteuren offen, die das Entschädigungsverfahren zur "Kontaktzone" machte. Alltägliche Begegnungen, erfahrungsbedingte Erwartungen, tiefsitzende Vorurteile und spontane Handlungen beeinflussten die Praxis und Wahrnehmung von Wiedergutmachung. Dabei entstehende Enttäuschungen überschatteten und konterkarierten oftmals die materiell geleistete Entschädigung.
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